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Say it in Swedish

Die schwedische Sprache und ihr verborgenes Wikingererbe

Wikinger, oder genauer gesagt die nordische Kultur, sind in der Popkultur seit Jahren angesagter denn je. Das hat uns eine ganze Reihe neuer Serien und Spiele beschert, die das Leben in Skandinavien vor etwa tausend Jahren zeigen und in denen Schauspieler versuchen, Altnordisch oder zumindest eine Art Altisländisch zu sprechen – mit unterschiedlichem Erfolg. Aber welche Rolle spielt Schwedisch bei alldem? Warum spricht in der Popkultur niemand Altschwedisch, und wie unterscheidet sich das heutige Schwedisch vom Altnordischen?

Versuchen wir einmal zu entwirren, was Altnordisch eigentlich ist. Wie du vielleicht weißt, ist es der Vorgänger aller heutigen skandinavischen bzw. nordgermanischen Sprachen: Schwedisch, Norwegisch, Dänisch, Isländisch, das oft vergessene Färöisch und das inzwischen ausgestorbene Norn, das auf einigen schottischen Inseln gesprochen wurde. Wenn wir aber von Altnordisch als einer Sprache sprechen, die man lernen kann, meinen wir immer Altwestnordisch bzw. Altisländisch, denn praktisch die gesamte Literatur aus dieser Zeit stammt von isländischen Autoren. Texte auf Altostnordisch (aus dem später Schwedisch und Dänisch wurden) sind meist nur kurze Inschriften auf Runensteinen, obwohl es der größere der beiden Dialekte war. Da sich die beiden Dialekte damals noch sehr ähnlich waren, spielt das kaum eine Rolle. Deshalb dient in der Popkultur Isländisch als nordisches Grundgerüst, manchmal sogar mit moderner Aussprache. Altschwedisch bzw. Altostnordisch kommt daher kaum in Frage. Es hat sich einfach nicht durchgesetzt, und wir wissen weniger darüber.

Im Mittelalter wurde das Schwedische stark vom Niederdeutschen beeinflusst – deshalb wirst du als Deutschsprachiger viele Wörter wiedererkennen –, später vom Französischen und im 20. und 21. Jahrhundert, wie so viele Sprachen, vom Englischen. Trotzdem ist noch einiges an Altschwedischem bzw. Altnordischem übrig, das Schweden jeden Tag benutzen.

Wortschatz

Trotz des Einflusses anderer Sprachen hat das Schwedische seinen germanischen Grundwortschatz behalten, und einige dieser Wörter sind genau (oder fast genau) wie ihre altnordischen Verwandten. Dabei hat sich im heutigen Schwedisch allerdings meist nicht die Grundform, sondern die Akkusativform durchgesetzt. Hier eine kleine Liste altnordischer Wörter und ihrer schwedischen Gegenstücke:

armr (Akk. arm) – arm – Arm
eldr (Akk. eld) – eld – Feuer
vindr (Akk. vind) – vind – Wind
jǫrð – jord – Erde
barn – barn – Kind
hús – hus – Haus
borg – borg – Burg
vintr – vinter – Winter

Fälle

Anders als im Deutschen ändert sich im Schwedischen nach Präpositionen normalerweise nicht der Fall – mit einer Ausnahme: der Präposition till, „zu“. In einer Reihe alter, feststehender Wendungen steht das Wort nach der Präposition im Genitiv. Die meisten davon wirken gar nicht besonders altmodisch, neue Ausdrücke werden so aber nicht mehr gebildet.

till skogs – in den Wald
till sängs – ins Bett
till sjöss/havs – auf See
till mans – jedermann, alle im Allgemeinen
till fots – zu Fuß

Ähnlich gibt es alte Ausdrücke, heute feste Wendungen, in denen Dativ und Akkusativ vorkommen. Sie werden bis heute verwendet.

Dativ:
i sinom tid – zu gegebener Zeit
skämt åsido – Spaß beiseite
gå man ur huse – in Scharen auf die Straße gehen (wörtlich: „Mann aus dem Haus gehen“)
vara av godo – von Vorteil sein
vara av ondo – von Übel sein
se i syne – Gespenster sehen, sich etwas einbilden
på sistone – in letzter Zeit

Wenn du ein Wort siehst, das auf -om endet, ist es höchstwahrscheinlich eine alte Dativform (wie honom, ihn).

Akkusativ:
i rättan tid – zur rechten Zeit
skrika i högan sky – lauthals schreien (wörtlich: „in den hohen Himmel“)
våran – unser (umgangssprachlich)

Honom, ihn, ist eigentlich die alte Dativform, während han die Akkusativform war. Heute wird han sowohl als Nominativ als auch umgangssprachlich als Objektform verwendet. Deshalb hörst du viele Leute han sagen, wenn sie eigentlich „ihn“ meinen. Manche verwenden auch die Kurzformen 'an (han) und 'na (henne, vom Akkusativ hana).

Dialekte

Es gibt zwei Arten von Dialekten, die konservativer geblieben sind als die Standardsprache. In ihnen ist noch viel mehr vom alten Genus- und Kasussystem des Altnordischen erhalten. Zur ersten Art gehören echte Dialekte, die ihren Ursprung (mindestens) im Altschwedischen haben. Zur zweiten gehören Dialekte, die direkt aus dem Altnordischen hervorgegangen sind und eigentlich eigene Sprachen neben dem Schwedischen sind. Diese Sprachen wurden stark vom Schwedischen beeinflusst: Geht es um moderne Themen, sind sie dem Schwedischen näher, bei traditionellen Themen entfernen sie sich weiter davon. Leider sterben sie langsam aus, weil sie im Alltag kaum noch gebraucht werden.

Das gilt zum Beispiel für das bekannte Älvdalische und andere ähnliche „Dialekte“ in Dalarna. Ich meine aber auch jämska, das in Jämtland gesprochen wird, und unter anderem överkalixmål in Nordschweden. Diese Sprachen oder „Dialekte“ (sie haben keinen offiziellen Status) sind für jemanden, der sie nicht aktiv gelernt hat oder damit aufgewachsen ist, praktisch unverständlich. Dänisch und Norwegisch sind für jemanden, der Standardschwedisch spricht, sogar leichter zu verstehen.

Die skandinavischen Sprachen haben mit dem alten Dialektkontinuum der Wikinger mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick denken würde – manche Sprachen (und vor allem Dialekte) mehr als andere. Auch die Grenzen zwischen den Sprachen und Sprachzweigen sind eher fließend. Im Grenzgebiet ist es manchmal schwer zu sagen, ob jemand Schwedisch oder Norwegisch spricht, wenn man nicht weiß, in welchem Land die Person lebt oder aufgewachsen ist – obwohl die beiden Sprachen eigentlich zu verschiedenen Zweigen des Stammbaums gehören. Verraten wird man dann nur durch die Standardsprache und den Wortschatz. Wie ähnlich werden sich die Sprachen in 1000 Jahren sein, und wie viel „Wikinger“ wird dann noch übrig sein?